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EV Cashout: Wann nutzen und wann nicht

January 16, 2026 6 min Read

Varianz reduzieren oder Profit reduzieren? Die Entscheidung ist nicht immer offensichtlich.

Du hast gerade deinen gesamten Stack mit Pocket Assen gegen Pocket Könige in die Mitte geschoben. Genau für diesen Moment spielst du Poker. Ein 82-%-Favorit auf einen riesigen Pot. Und dann passiert es: Ein König auf dem River. Dein Stack ist weg.

Aber was wäre, wenn du stattdessen einen garantierten Gewinn hättest sichern können? Was wäre, wenn du – egal ob Sieg oder Niederlage – mit Plus vom Tisch gegangen wärst?

Genau das verspricht EV Cashout von GGPoker. Es ist eines der meistdiskutierten Features im Online-Poker – und zugleich eines der am meisten missverstandenen. Schauen wir uns genau an, wie es funktioniert, wann man es nutzen sollte und wann man die Varianz einfach ihren Lauf lassen kann.

Wie EV Cashout funktioniert

Wenn du als Favorit gegen genau einen anderen Spieler All-in gehst und bestimmte Voraussetzungen erfüllst, bietet dir GGPoker eine Art „Versicherung“ gegen die nächste ausgeteilte Karte an – genannt EV Cashout.

Voraussetzungen für ein Angebot:

  • Du musst Favorit auf den Pot sein (mindestens 60 % Equity).
  • Der Gesamtpot muss mindestens das 20-Fache des Big Blinds betragen.
  • Dein Gegner darf 14 oder weniger Outs haben, um dich zu schlagen.
  • Das All-in muss vor dem River stattfinden.

So läuft es konkret ab:

  • Gehst du am Flop All-in, wird EV Cashout angeboten.
  • Die Prämie (Kosten) wird berechnet, indem dein Anspruchsbetrag durch die Odds geteilt wird.
  • GGPoker erhebt eine Gebühr von 1 % auf jeden Cashout-Betrag (2 % bei PLO-6).

Der entscheidende Punkt, den viele Spieler falsch verstehen:

Wenn du EV Cashout akzeptierst, erhältst du den Cashout-Betrag unabhängig vom Ausgang der Hand. Selbst wenn du die Hand gewinnst, bekommst du nur den vorher berechneten Cashout-Betrag – nicht den gesamten Pot.

EV Cashout Poker Strategie

Die echten Zahlen

Schauen wir uns ein konkretes Beispiel an:

Situation: AA gegen KK, All-in am Flop, Potgröße $100. Deine Equity liegt bei etwa 82 %.

Ohne EV Cashout:

  • In 82 % der Fälle gewinnst du $100
  • In 18 % der Fälle gewinnst du $0
  • Erwartungswert (EV): $82

Mit EV Cashout:

  • Der Cashout wird berechnet als:
    (Pot – Rake) × Equity × 99 %
  • Bei $100 Pot und $3 Rake:
    ($100 – $3) × 0,82 × 0,99 = $78,74
  • Du erhältst $78,74, egal wie die Hand ausgeht.

Wichtig: EV Cashout ist nur verfügbar, wenn das All-in nach dem Flop stattfindet, nicht preflop. Im Beispiel AA gegen KK würdest du also nur dann ein EV-Cashout-Angebot sehen, wenn das All-in am Flop oder Turn passiert.

Wann man EV Cashout in Betracht ziehen sollte

EV Cashout ist keine Falle – aber auch kein kostenloses Geld. Es gibt Situationen, in denen die Nutzung sinnvoll sein kann:

1. Deine Bankroll ist angespannt
Wenn du am oberen Ende deiner Bankroll spielst und es dir nicht leisten kannst, mehrere Buy-ins zu verlieren, hilft EV Cashout dabei, die Schwankungen zu glätten. Einen garantierten kleineren Gewinn mitzunehmen ist besser, als einen verheerenden Verlust zu riskieren, der dich zwingt, in den Limits abzusteigen.

2. Schutz für dein Mental Game
Manche Spieler tilten nach Bad Beats besonders stark. Wenn dich der Verlust dieses Pots mit Assen gegen Könige in einen $500-Tilt-Marathon schicken würde, kann EV Cashout dich vor teuren, marginalen Calls bewahren – und langfristig auch vor mentalem Schaden.

3. Eine Winning-Session abschließen
Du liegst drei Buy-ins vorne und willst den Abend beenden. Dann entwickelt sich ein großer All-in-Pot. EV Cashout ermöglicht es dir, den Gewinn zu sichern und die Session garantiert positiv zu beenden.

Wann man EV Cashout besser auslässt

So wie es Situationen gibt, in denen EV Cashout sinnvoll ist, gibt es auch klare Gründe, darauf zu verzichten:

1. Du hast eine ausreichende Bankroll
Wenn deine Bankroll zu deinem Limit passt (20+ Buy-ins für Cash Games, 100+ für Turniere), gefährdet der Ausgang einzelner Pots nicht deine Spielbarkeit. Über Tausende von Händen maximiert das Ablehnen von EV Cashout deinen Erwartungswert.

2. Situationen mit niedrigerer Equity
Denke daran: Du brauchst mindestens 60 % Equity, um überhaupt ein EV-Cashout-Angebot zu bekommen. Bei exakt 60 % qualifizierst du dich gerade so – und der Cashout fühlt sich oft nicht lohnend an. Der „Sweet Spot“ für EV Cashout liegt eher bei hoher Equity (70 %+), bei der das Risiko trotzdem noch real ist.

3. Du bist ein Winning Player
Wenn du dein Limit über eine große Stichprobe schlägst, ist Varianz langfristig dein Freund. Die Ups und Downs gleichen sich aus. Regelmäßig Prämien zu zahlen, senkt dagegen deine Gesamt-Winrate.

Der psychologische Faktor

Was die meisten Strategieartikel nicht sagen: Poker wird nicht im Vakuum gespielt.

Mathematisch optimal mag es sein, EV Cashout niemals zu nehmen. Aber Poker ist auch ein mentales Spiel. Wenn EV Cashout dir hilft:

  • längere Sessions ohne Angst zu spielen,
  • nach Sessions besser zu schlafen,
  • Tilt nach Bad Beats zu vermeiden,
  • mehr Spaß am Spiel zu haben,

… dann kann die Prämie aus Gründen jenseits des reinen Erwartungswerts gerechtfertigt sein.

Sei nur ehrlich zu dir selbst, warum du es kaufst.
„Ich habe Angst, diesen Pot zu verlieren“ ist etwas anderes als
„Meine Bankroll kann diese Varianz nicht verkraften“.
Ersteres ist eine emotionale Entscheidung, Letzteres eine rationale.

Häufige Fehler bei EV Cashout

Vermeide diese Stolperfallen:

  • Zu jedem Pot „JA“ sagen – Die Prämien summieren sich. Sei selektiv.
  • EV Cashout bei kleinen Pots nehmen – Die Mindestprämie macht kleine Pots zu schlechtem Value.
  • Die Mathematik nicht verstehen – Kenne deine Equity und die Kosten. Kaufe nicht blind.
  • Es zum Gambeln benutzen – EV Cashout reduziert Varianz, es ist kein Wettspiel.

Ein praktischer Entscheidungsrahmen

Wenn das EV-Cashout-Angebot erscheint, gehe gedanklich diese Checkliste durch:

Frage Wenn Ja Wenn Nein
Beträgt der Pot > 10 % meiner Bankroll? EV Cashout in Betracht ziehen Wahrscheinlich überspringen
Habe ich 70 %+ Equity? Guter Value für EV Cashout EV Cashout zu teuer
Wird ein Verlust mein Spiel beeinflussen? EV Cashout in Betracht ziehen Wahrscheinlich überspringen
Ausreichende Bankroll für das Limit? Wahrscheinlich überspringen EV Cashout in Betracht ziehen

Die meisten Hände werden mehrere „Skip“-Antworten auslösen – und das ist völlig in Ordnung. EV Cashout sollte ein gelegentliches Werkzeug sein, keine Standardaktion.

Zentrale Erkenntnisse (Key Takeaways)

  • Kenne die Voraussetzungen – 60 %+ Equity, Heads-up-All-in, Pot mindestens das 20-Fache des Big Blinds.
  • Die 1-%-Gebühr summiert sich – Langfristig senkt sie deinen Erwartungswert im Vergleich zum Ausspielen der Hand.
  • Der Bankroll-Kontext ist entscheidend – Was mathematisch suboptimal ist, kann strategisch sinnvoll sein, wenn deine Bankroll klein ist.
  • Sei selektiv – Nutze EV Cashout als gelegentliches Werkzeug, nicht als Gewohnheit

Dein nächster Zug

Wenn das nächste Mal das EV-Cashout-Pop-up erscheint, halte kurz inne, bevor du klickst. Frag dich, warum du es nehmen willst. Schützt es deine Bankroll – oder dein Ego? Handelt es sich um einen wirklich großen Pot im Verhältnis zu deinem Limit, oder bist du einfach nervös wegen des möglichen Ausgangs?

Die meisten Spieler sollten die Option meistens ablehnen. Aber „meistens“ bedeutet nicht „immer“. Kenne die Situationen, in denen EV Cashout für dein Spiel, deine Bankroll und deinen mentalen Zustand Sinn ergibt.

Das Feature existiert, weil es einen Zweck erfüllt. Nutzt du es klug, wird es zu einem weiteren Werkzeug in deinem Poker-Arsenal. Missbrauchst du es, zahlst du im Grunde nur eine Steuer auf deine Winrate.
Die Entscheidung liegt bei dir. Triff sie bewusst.

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